Louis Tuchscherer - Erfinder & Mechaniker - Freitag, 22. September 2017
Druckversion der Seite: Genese des Forschungsprojekts
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Über die Entstehung des Louis-Tuchscherer-Forschungsprojekts

Eine frühe Kindheitserinnerung meines Schwiegervaters aus der Nachkriegszeit in Chemnitz, als Anekdote vorgetragen am Rande seines 60. Geburtstags, brachte mich erstmalig mit dem Namen Louis Tuchscherer in Kontakt: Damals, so erzählte er, hatte im Hinterhof des Mehrparteien-Wohnhauses, in dem er mit seinen Eltern lebte, ein KFZ-Bastler seine mechanische Werkstatt. Häufig von den leidigen Stromausfällen geplagt, habe dieser sich mit einem Selbstzünder-Aggregat zu behelfen versucht. Die Kinder der Straße waren sowohl von dem improvisationsfähigen Tüftler als auch von dessen diversen Reparaturobjekten und -werkzeugen fasziniert gewesen - vor allem aber von dem Strom liefernden Monstrum, auf dessen reichlich mitgenommenem Gehäuse der Name "Tuchscherer" zu lesen war. Leider jedoch war die Leistung des Gerätes alles andere als zuverlässig, so dass seinem Besitzer zuweilen ein derber Kraftausdruck über die Lippen kam. In der Konsequenz hatte die Maschine diesen Flüchen den Spitznamen zu verdanken, den die Jugend ihm angedieh: Der "Tuchscheißer". Eines Tages trauten sie sich den Besitzer auf den Namen Tuchscherer anzusprechen. Was sie hörten war ein Chemnitzer Mythos; Dieser Louis Tuchscherer so erzählte man sich damals, sei der eigentliche Erfinder des Automobils gewesen.

Recht bald darauf fiel mir bei einem Einkaufsbummel während eines Kurzurlaubs im Erzgebirge der "Stadtstreicher" in die Hände, ein in mehreren Geschäften ausliegendes lokales Magazin. Auf diesem Wege trat Louis Tuchscherer bereits zum zweiten Mal in meinen Fokus. Denn in der vorliegenden Ausgabe fand sich ein kompletter Artikel, der dem Chemnitzer gewidmet war[1]. Hierin war zu lesen, dass Tuchscherer, wie auch sein "Nachfolger" aus der Hinterhof-Geschichte, ein Tüftler gewesen war, aber vor allem ein Visionär. So sei es sein Traum gewesen, seinen Weg zur Arbeit mit einem "selbstlaufenden Wagen" zurückzulegen. Und diesen Traum erfüllte er sich tatsächlich, so die Überlieferung. Nun wäre dieser Artikel wenig sensationell gewesen, hätte er nicht die interessante Hypothese enthalten, gerade diesem Louis Tuchscherer aus Chemnitz sei während seiner Konstruktionszeit eines eigenen Automobils ein Vorbeireisender über den Weg gelaufen - mit Namen Karl Benz! Die folgende Entwicklung schildert Jakobi wiefolgt:
"Unser Chemnitzer war viel zu redlich, in Karl Benz einen Mann zu erkennen, der mit allerhand Sachverständnis Tuchscherers Vertrauen erwarb, ohne seine Finessen, die Früchte seiner Lebensleistung, zu schützen. 1880 war dann der 33Jährige so weit, zur allerersten Chemnitzer Autofahrt aufzubrechen […] Seine Erfindung zum Patent anzumelden verschob er leider aus mancherlei Gründen. Als aber 1886 in der Zeitung stand, ein Karl Benz habe einen 'dreirädrigen, selbstfahrenden Wagen zum Patent angemeldet', musst er es wohl oder übel bei einem tiefen Seufzer bewenden lassen."

Mir war unmittelbar klar, dass der Autor dieses kleinen Blatts (mit vagem Bezug auf eine namentlich nicht genannte Biografin Tuchschereres) hier nicht weniger in Frage stellte als die Urheberschaft des Automobils schlechthin!

Nach diesen ersten Ankündigungen eines hochinteressanten Themas gab letztendlich, fast ein Jahrzehnt später, ein Artikel von Dr. Dieter Rose in dem "Clubnachrichten" des BMW Veteranen-Clubs[2]den Ausschlag dafür, das vorliegende Forschungsprojekt aus der Taufe zu heben. Denn auch der im Bereich der BMW Vorkriegsfahrzeuge anerkannte Experte und ADAC bestellter Fahrzeug-Gutachter der FIVA schlägt sich auf die Seite des Chemnitzers Louis Tuchscherer. Neben einem Foto, das Tuchscherer auf seinem Automobil zeigt, berichtet Dr. Rose wesentlich detailreicher als Jakobi über das Leben und Wirken Tuchscherers, so zum Beispiel, dass dieser "einen Zweitaktmotor, wahrscheinlich als Selbstzünder, der mit einem Gemisch aus Petroleum, Äther und Öl betrieben wurde", entwickelte, der mithilfe eines Zugriemens gestartet wurde. Weiter berichtet Dr. Rose:
"Die Kraftübertragung erfolgte durch einen Flachriemen auf die Hinterachse. Als Kupplung diente ein Hebel, der ähnlich wie bei den damaligen Transmissionen üblich, von einer Leerlaufscheibe den Riemen auf die Arbeitsscheibe zog."

Damit war klar, dass die Zeit reif ist für eine Klärung der Frage nach dem tatsächlichen automobiltechnischen Vermächtnis des Chemnitzer Erfindergeistes Louis Tuchscherer und - falls sich die Vermutungen bestätigen lassen - für eine nachträgliche angemessene Würdigung seiner Errungenschaften.


[1] Jacobi, Addi (2002); Louis Tuchscherer. In: Stadtstreicher. Ausgabe Mai 2000, Seite unbekannt. zitiert nach der Online-Version www.stadtstreicher.de/koepfe/58 [letzter Zugriff 1.3.2011].

[2] Rose, Dieter (2010): Louis Tuchscherer. Ein fast vergessener Erfinder. In: CN. BMW Veteranen-Club Nachrichten. Heft 4/2010, S. 13.